HIDDEN PLACES | 2022
Alexander Leinemann Kunsthistoriker
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sprengel Museum Hannover
Typologien einer alltäglichen Einsicht
Eigenbezogene Bestätigung
Eine der größten Errungenschaften der Fotografie ist ihre Schnelligkeit. Innerhalb der Jahrhunderte weiterentwickelt und zu höchster Präzision herangeführt, gehört der fotografische Schnappschuss heute zum Grundvokabular des Mediums. Definiert ebenjene Bezeichnung das rasche Zücken des allzeit präsenten Fotoapparates, so kommt dem dabei vorherrschenden Schaffensakt eine innewohnende und von unterschwelliger Vehemenz befindliche Haltung zu Teil. Diesem Benehmen obliegt im Moment der Durchführung unweigerlich und auf meist lautstarke Weise konkretisiert, folgende bekannte Äußerung: »Ich allein habe es gesehen!«
Das von schnappschussartiger Manier geleitete Foto, so missionarisch es im Kontext der Vermittlung von realbefindlich ablaufenden Prozessen auch verstanden wurde, besaß seit jeher auch eine ichbezogene Tendenz des alleinigen Mitteilungsbedürfnisses. Es verwundert daher auch nicht, dass in der alltäglichen Bildschaffung der festhaltende, dokumentierende, um Klarheit gewillte und doch den Drang nach menschlich-innwohnender Bekräftigung befriedigende Schnappschuss zu einem der wesentlichsten Ausdrucksmittel der Fotografie wurde.
Die Kunst, den Überblick zu behalten
Der rasch getätigten Aufnahme ist somit eine grundlegende Form der Gegensätzlichkeit zuzusprechen. Dennoch ist der gedacht-gegenwärtige und indessen stets vergangene Moment zum im fotografischen Bild einzufangenden Augenmerk höchster Eindringlichkeit erklärt worden. Indem aber Bewegungsabläufe sichtbar, zuvor Uneinsichtiges visualisierbar und jedes von plötzlich überkommender Relevanz bestimmte Ereignis von einer kollektiven Litanei, die den fotografischen Moment der realbefindlichen Begegnung vorzog, durchsetzt wurde, entstand ein trügerischer, am Medium sich abarbeitender Kreislauf von bis in die Gegenwart reichender Beeinflussung. Getreu dem im kollektiv-knipsenden Handeln verinnerlichten Denken, dass das nächstfolgende Foto schon irgendwie zu einer ganzheitlichen Klarheit führen werden wird, ist eine unüberschaubare und von wenig selektiver Betrachtung bedingte Bilderflut das unumgängliche Resultat geworden. In der immerwährend um Authentizität bedachten Wiederholung gefangen, wurde das dem Moment unterstellte Foto somit zum Träger einer erhofften und doch niemals wiederkehrenden Präsenzvermutung. Im Glauben an eine mutmaßlich bestehende Möglichkeit, durch Detailgenauigkeit, Schnelligkeit und der stets wiederholbaren Abfolge, eine Wiederkehr des Vergangenen einsichtig werden zu lassen, führte dieses hoffnungsvolle Begehren zu einer Reflexion, die dem Foto bereitwillig die Eigenschaft zubilligte, ein Abbild von realbefindlichen Einsichten präsentieren zu können.
Ein Foto wird jedoch niemals die Realität vollends abbilden oder das unumgänglich Unfassbare eines Moments in bildimmanente Form überführen können. Erst ein weitaus umfassender und sich fern der bekannten Bereiche einzuordnender Eingriff auf künstlerischer Ebene ist dazu in der Lage, Momente der fotografischen Eindringlichkeit zu initiieren, die das Momenthafte auf eine ungeahnt gegenwärtige Ebene verlagern und zu Momenten von anwesender Bedeutsamkeit werden lässt.
Wenn Momente zur gegenwärtigen Bestimmtheit werden
Der deutsche Künstler Roman Thomas nutzt die Fotografie auf unterschiedlichste Weise.
Seine großformatigen Arbeiten fordern den Betrachtenden heraus und lösen bisweilen dessen vorherrschende Betrachtungsroutine auf. Aus wahrnehmungsbedingt etablierter Starrheit und auf monoperspektivischer Ebene stets erhoffter Zugänglichkeit, erfolgt eine durch die Bilder geschaffene Verlagerung von teils kritisch anzumerkender Konfrontation. Roman Thomas Bilder beinhalten immer wieder ersuchte, gefundene und fotografisch festgehaltene Individuen. Ebendiese befinden sich dort, wo der Mensch seine architektonischen und von der darauffolgend agierenden Gesellschaft frequentierten Spuren hinterließ. An diesen teils bekannten und bildlich vorgemerkten Orten interveniert der Künstler mit seiner Fotografie, indem er das, was imaginäre Verortung und Verinnerlichung ermöglicht, verrückt. Das, was der Mensch zur Ein-, Aus- und Umgrenzung seines zueinander und doch voneinander getrennt fungierenden Zusammenlebens auf begrenztem Raum erschaffen konnte, wird in den großformatigen Fotografien zum Akteur einer umfassenden und doch stillen Vermittlung. Arbeiten wie »Whitby Street« (2017), »Two Towers« (2017) oder »Steps to Heaven« (2017) bilden zunächst zwar allzu bekannte Orte in bildlich einzusehender Form ab. Der vorrangige Schein des Bekannten trügt jedoch, obliegt all diesen Aufnahmen eine zwischen Vorstellung und Realität befindliche Kluft, die ein erhofftes Wiedererkennen sofortig torpediert. Die großformatigen Arbeiten des deutschen Künstlers präsentieren unterschiedliche und doch zueinander ähnlich zu bezeichnende Bildsituationen, die den jeweiligen Betrachtenden mit der Einsicht konfrontieren, dass der fotografisch geschaffene Bildraum zwar auf realbefindlich Existierendes verweist. Das, was jedoch Aufnahmen wie »Whitby Street« (2017) offerieren, ist die zum Bild gewordene Erkenntnis, dass der fotografisch-orientierte Blick und die Beharrlichkeit des Künstlers zu einem Kunstgegenstand geführt haben, dessen Bildlichkeit eine einmalige und allein für sich stehende Materialisierung darstellt. Aus der Realität wurde eine im Bild fortwährende Wirklichkeit geschaffen, die dazu im Stande ist aufzuzeigen, dass die Eindringlichkeit der großformatigen Aufnahmen nicht allein im Aspekt der außerhalb befindlichen Wiedererkennung, sondern in der innerspezifischen Erkenntnis fungieren, einen Ort einsichtig gemacht zu haben, der intuitiv gedacht, wahrgenommen und zum Foto überführt werden konnte.
HIDDEN PLACES | 2020
Christiane Hoffmann M.A.
Museumsleiterin und Kunsthistorikerin
Galerie Serpil Neuhaus in Gütersloh
Fotografie als Kunstform hat ihre große Bedeutung als selbständige Position im Kunstbetrieb u.a. der Düsseldorfer Kunstschule und dem Fotografenehepaar Bernd und Hilla Becher und der Schülergeneration Gursky, Ruff, Struth, Höfer zu verdanken. Scheinbar weg von der Modefotografie gehören das urbane Leben und die Orte in der realen Welt zu den Themen der Fotografie.
Roman Thomas, Sohn eines Fotografen, hat von klein auf eine intensive Beziehung zur Fotografie. Mit einer Tischlerlehre und weiter an der FOS Gestaltung, führte sein Weg beruflich in die Fotografie.
Heute als Fotograf für namhafte Industrieunternehmen aus dem Bereich Möbeldesign und für Architekten weltweit im Einsatz, hat Thomas schon viele Orte der Welt gesehen und mit dem Blick des Künstlers und Fotografen aufgenommen.
Aufgenommen im doppelten Sinn: Aufgenommen mit allen Sinnen und mit seiner Kamera. Er lässt sich auf die Orte die er besucht ein, nimmt Architektur, Menschen und Farben auf und kommt mit all diesen Elementen zu seiner eigenen Sichtweise und zu seinen Ideen. Er weiß genau, was er zeigen will. Welche Elemente an Licht und Linienführung im fertigen Bild eine Rolle spielen sollen. Wie Gefühl, optischer Eindruck und gewähltes Thema hier Eingang finden sollen.
Dabei kann es sein, dass eine Aufnahme die gewünschten Elemente im Zusammenspiel bereits zeigt. Es kann aber auch sein, dass viele Bilder eines Blickwinkels entstehen müssen, die zu einem konstruierten, neuen Bild verschmolzen werden. Die digitale Montage erlaubt, von einem Motiv z.B. das sich verändernde Lichtspiel und Personen, die im Laufe der Session nur in einem einzigen Bild vorkommen, in die Komposition einzubinden.
Das Ereignis wird zu einem Gleichzeitigen des Ungleichzeitigen, ohne dass der Betrachter dieses merken kann.
Roman Thomas führt so Regie in seinen Arbeiten. Die Anlage und Komposition seiner Arbeiten beschreibt er mit „Erstellung von Traumbildern“ und weniger als „Wirklichkeitsbilder eines One-Shoot“. Damit ist gemeint, dass seine individuelle Idee, seine Seherfahrungen und sein subjektives Empfinden hier die letzte Instanz für seine Arbeit bilden.
Die berühmte fotografische Realität als Wirklichkeitsabbild wird hier trotz aller Nähe zum Motiv und der individuellen Nacherlebbarkeit an Ort und Stelle unterlaufen. Architekturen inmitten von Metropolen, werden in Thomas Arbeiten zu flächigen, reliefartigen Bühnenbildern. Ihre Staffelung wird unsichtbar geschichtet. Die erreichte Bildwirkung, noch gesteigert durch die großformatige Entwicklung, kann man als Betrachtungssog beschreiben.
Menschenleere Orte wie in der Arbeit „Steps to heaven“ sind ohne die christliche Ikonografie der Himmelsleiter nicht denkbar. Bei Thomas fehlen die Menschen, nur Platzhalter ihrer Existenz, wie die abgestellten Fahrräder sind sichtbar.
Das Motiv des Aufstieges ist trotzdem für jeden Menschen verständlich. Das Bild ist wie eine Einladung den Aufstieg zu wagen, da frontal zum Betrachter ein Zebrastreifen als Einstieg ins Bild zu erkennen ist.
Hier ist ein öffentliches, architektonisch geprägtes Raumgefüge die Einladung an die Betrachterin, eine persönliche Chiffre für Lebenserfolg und Lebensstufen anzunehmen. Die Sehnsuchtsrichtung geht in dieser Arbeit nach „Oben“. Man möchte ins verdeckte Licht (durch die Reflexe des Himmels gegenläufig in der Spiegelfassade montiert) gelangen. Auch wenn von unten betrachtet die obere Ebene dunkel massiv in nicht zu entschlüsselnde Bogenformen ausläuft. Trotzdem gibt es Licht und vermutlich Helligkeit, auch wenn dieses vielleicht nur aus elektrischen Lichtquellen besteht.
Die Lesbarkeit der Arbeiten von Thomas ist immer gegeben und der Fotokünstler verwirrt die Sinne der Betrachterin nicht vollends.
Menschenleere Räume in großen Architekturen sind für Menschen aufgrund seiner Evolution immer bedrohlich oder unangenehm. Wenn die Bildrichtung aber wie in „Old House“ in Hochhausschluchten auf ein altes Backsteingemäuer aus der Vergangenheit fällt, wird die Schroffheit und das gefühlte Unwohlsein gemildert. Der überschaubare Baukörper mit den kleinen Ausmaßen ist angenehmer und heimeliger als die Riesen um ihn herum. Nur die abweisenden dunklen Fensterhöhlen brechen auch diese Heimeligkeit. Die stählernen Wolkenkratzer aus Metall und Glas, die die Straße und das Haus als Relikt einer anderen Zeit einfassen, scheinen für anderes bestimmt zu sein, als für menschliches Leben.
Der Straßenname als „Spital Yard“ zieht noch eine weitere Ebene ins Bild, die fast wie eine Ironisierung wirkt. Gefühlte Einsamkeit und aus der Zeit gefallen sein beim Betrachten der Gasse mit dem alten Haus, wird gebrochen durch den traditionellen Erwartungshorizont an ein Spital=Hospital=Krankenhaus.
Im Krankenhaus erwartet der hilfebedürftige oder verletzte Mensch Heilung, Zuwendung oder Genesung seines kranken Zustandes. Was er sieht ist aber genau das Gegenteil nämlich gefühltes Unwohlsein, Verlassenheit, Überflüssig sein. Keine Heilung nirgends. Hoffnung und der Sog in den gelben (kranken?) Linien des Weges zu bleiben.
HIDDEN PLACES | 2019
Laudatio von Manfred Zimmermann
Industriephotograf und Prof. (RS)
Kunstverein imago in Bissendorf/Wedemark.
Meine Damen und Herren,
ich wurde gebeten, an dem heutigen Tage eine Laudatio für Roman Thomas zu halten.
Tatsächlich ist es jedoch so, dass es keine wirkliche Laudation sein wird – nicht, weil du noch sehr jung bist, sondern weil Laudatio bedeutet, jemanden zu loben. Ich glaube, das brauchen wir an dem heutigen Tag nicht, denn wir haben hier deine Bilder: Diese Bilder loben dich mehr, als ich das in Worten tun könnte. Darum, und weil wir uns beide schon sehr lange kennen, möchte ich eher eine Beschreibung über deine Arbeit geben, einen kleinen Einblick in dein Leben.
Du bist 1975 in Celle geboren, dort zur Schule gegangen und aufgewachsen. Nach deiner Tischlerlehre hast du die Fachhochschulreife an der FOS Gestaltung erreicht – als nächster Schritt sollte das Studium zum Industriedesigner folgen. Die Ablehnung deiner dort eingereichten Mappe hatte etwas Gutes: Du folgtest deiner Leidenschaft zur Fotografie, eben dieser Fotografie, die durch deine DNA schon festgelegt war. DNA deshalb, weil der Vater von Roman Thomas bereits ausgebildeter Fotograf war und ihm somit unendlich viel mitgegeben hat. In seiner Kindheit hat Roman Thomas viele Jahre in der Dunkelkammer verbracht. Was daraus wurde, sehen wir heute hier – und das ist wirklich beachtenswert.
Deine ersten freien Arbeiten entstanden bereits 1999 in New Mexico. Durch deine Ambitionen zum Grafischen hast du später dein Schaffensspektrum erweitert und bist seither als Fotograf und Grafikdesigner für viele namenhafte Modelabel tätig. Du widmest dich außerdem stark der Architekturfotografie, unter anderem für das Unternehmen Vitra, das international sowohl architektonisch als auch gestalterisch tätig ist. Dadurch hast du das große Glück, weltweit, etwa in New York, zu fotografieren.
In all diesen kommerziellen Prozessen hast du immer auch deine freien Arbeiten mit eingebunden – hier sind Aufnahmen wie diese entstanden: Diese versteckten Plätze, die Hidden Places, aber auch die 4er Serien, auf die ich später noch einmal zu sprechen komme.
„HIDDEN PLACES“, versteckte Orte, das stimmt so nicht ganz, denn die Orte sind gar nicht versteckt. Jeder von uns kann sie sehen und trotzdem würden wir sie so gar nicht wahrnehmen. Nicht nur, weil wir andere Menschen sind, andere Augen haben. Auch nicht, weil Roman Thomas ein besonders geschultes Auge hat, sondern weil in den Motiven noch etwas ganz anderes steckt: Der amerikanische Maler Edward Hopper malte schon in den 30er und 40er Jahren seine „HIDDEN PLACES“, um die Einsamkeit der Menschen zu zeigen. Er hat im Grunde genommen nicht nur wie du, diese ganz leeren Orte gemalt, sondern meistens sind einsame Personen sichtbar, ähnlich wie in deinem Bild „WOMEN IN BLUE“. Zwischen seiner Bildsprache und der deinen besteht ein großer Zusammenhang.
Geht man einmal davon aus, wie hektisch unsere Städte heute sind, mit ihren Leuchtreklamen und den abertausenden an Informationen – dann fehlt plötzlich genau diese Hektik in deinen Bildern. Nun könnte man meinen, du möchtest die Vereinsamung der Menschen in großen Städten zeigen – dabei haben deine Bilder eine so große Strahlkraft der Ruhe und Harmonie, das passt eigentlich nicht wirklich zusammen.
Und dann fragt man sich, ob deine Bilder vielleicht eine Renaissance unserer selbst zeigen sollen? Übersättigt durch Leuchtreklamen und einer Informationsflut der vielen Mails, WhatsApp-Nachrichten und Facebook Posts. Vielleicht zeigen uns deine Bilder ja die Sehnsucht nach Ruhe – nach Ruhe für uns selbst.
Und ich glaube, dass es bei der Betrachtung deiner Bilder tatsächlich dieses gefühlte Detail ist: Sie erzeugen ein Wohlgefühl, eine innere Ruhe. Das ist die Magie deiner Bilder.
Über die Technik deiner Fotografie möchte ich überhaupt nichts sagen, denn das ist jetzt nicht so bedeutend. Viel bedeutender ist das große Format der Werke. Sie sind nicht nur faszinierend, weil sie so schön groß sind. Steht man vor ihnen, erzeugen sie das Gefühl, den Ort betreten zu können. Und das hat nun doch etwas mit der Technik zu tun, die bei dir ausgeprägt brillant ist! Man meint wirklich, die Struktur der abgebildeten Wand mit den Fingerspitzen fühlen zu können!
Die Bilder haben eine gewisse Weichheit, nicht die knallharte Schärfe der Digitalfotografie, sie haben etwas Menschliches und ganz Außergewöhnliches.
ARTIST STATEMENT
In meiner fotografischen Arbeit untersuche ich Raum nicht als festen Ort, sondern als etwas, das sich erst im Akt der Wahrnehmung formt. Mich interessiert der Moment, in dem sich äußere Realität, Erinnerung und innere Bilder überlagern und eine Erfahrung entsteht, die sich nicht eindeutig festlegen lässt.
Was mich dabei antreibt, ist weniger die Suche nach einem Motiv als vielmehr die Frage, wie sich Wirklichkeit überhaupt konstituiert. Ich habe zunehmend das Gefühl, dass das, was wir sehen, nie nur im Außen existiert, sondern immer auch durch unsere eigenen Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen geprägt ist. Fotografie wird für mich zu einem Mittel, genau diesen Übergang sichtbar zu machen, den Moment, in dem das Sichtbare beginnt, sich zu verschieben. Ausgangspunkt ist häufig ein realer Ort. Doch im fotografischen Prozess beginnt sich dieser zu verändern. Was zunächst vertraut erscheint, entzieht sich zunehmend einer klaren Lesbarkeit. Zwischen dem, was wir zu erkennen glauben, und dem, was wir tatsächlich sehen, öffnet sich ein Raum, in dem Wahrnehmung instabil wird. Diese Instabilität interessiert mich, weil sie etwas offenlegt, das im Alltag meist verborgen bleibt.
In der Werkreihe Hidden Places arbeite ich mit urbanen Räumen, die auf den ersten Blick eindeutig wirken. Architektur, Licht und Struktur verweisen auf reale Orte, auf etwas scheinbar Bekanntes. Gleichzeitig entsteht eine Distanz, die diese Orte entrückt erscheinen lässt. Die Bilder bewegen sich in einer Spannung zwischen Wiedererkennbarkeit und Irritation. Sie zeigen nicht nur einen Ort, sondern einen Zustand, in dem Realität und Vorstellung ineinander übergehen. Diese Auseinandersetzung mit dem äußeren Raum war für mich ein erster Schritt. Im Laufe der Zeit hat sich mein Blick zunehmend nach innen verschoben. Die Frage nach dem, was wir sehen, wurde zur Frage danach, wie wir sehen. Damit verbunden ist auch ein wachsendes Interesse an dem, was sich nicht eindeutig greifen lässt, an dem Unschärfebereich zwischen Wahrnehmung und Empfindung.
In meiner aktuellen Werkreihe Heimat löse ich mich bewusst von der Stabilität des Sichtbaren. Durch Bewegung der Kamera während der Belichtung geraten die Strukturen ins Fließen. Dieser Moment ist für mich zentral, weil er Kontrolle und Offenheit miteinander verbindet. Ich gebe einen Teil der Kontrolle ab und lasse zu, dass sich das Bild im Prozess verändert. Dadurch entsteht etwas, das ich nicht vollständig vorhersehen kann. Landschaft erscheint in diesen Arbeiten nicht mehr als fester Ort, sondern als ein offenes Gefüge, in dem sich Formen auflösen, verdichten und neu verbinden. Was entsteht, ist ein Bildraum, der sich nicht mehr eindeutig auf eine äußere Realität zurückführen lässt. Wahrnehmung, Erinnerung und Empfindung sind untrennbar miteinander verwoben.
Der Begriff Heimat ist für mich dabei bewusst ambivalent. Er beschreibt keinen konkreten Ort, sondern einen Zustand, der sich immer wieder verändert. Es geht um Vertrautheit, aber auch um Verlust, um Nähe und gleichzeitig um eine gewisse Distanz. Heimat ist für mich nichts Statisches, sondern etwas, das im Erleben entsteht und sich im selben Moment wieder entziehen kann.
Beide Werkkomplexe verbindet die Frage, wie Raum innerlich erfahrbar wird. Während Hidden Places den Ausgangspunkt im Außen hat und dieses in eine subjektive Wahrnehmung überführt, entsteht in Heimat ein Raum, der sich vollständig aus dieser inneren Bewegung heraus entwickelt. Natur und urbane Räume sind dabei keine Gegensätze, sondern unterschiedliche Erscheinungsformen desselben Prozesses. Was mich langfristig interessiert, ist nicht das Bild als Ergebnis, sondern der Prozess des Sehens selbst. Fotografie ist für mich ein Mittel, diesen Prozess zu verlangsamen und sichtbar zu machen. In diesem Verlangsamen entsteht ein Raum, in dem sich Wahrnehmung verändert und neue Zusammenhänge entstehen können.
Meine Arbeiten bewegen sich zwischen Beobachtung und Transformation. Sie zeigen keine Orte im klassischen Sinne, sondern Zustände, in denen sich Wahrnehmung, Erinnerung und Erfahrung überlagern. In diesen Zuständen entsteht für mich auch die Vorstellung von Heimat, nicht als geografischer Punkt, sondern als ein innerer Raum, der sich im Sehen immer wieder neu bildet.
Meine Arbeiten reisen, und manchmal reise ich ihnen hinterher. Im Juli 2026 führt mich eine Einladung der Kaputa Association für zwei Wochen nach Hämeenlinna in Finnland, getragen vom langjährigen Kulturaustausch zwischen Celle und Hämeenlinna. Dort arbeite ich an meiner Serie “Heimat” im finnischen Licht. In den letzten Jahren sind Werke aus Hidden Places in die Kunstsammlung der KWS in Einbeck aufgenommen worden, eine der Corporate Collections, die im Arbeitskreis Corporate Collecting zusammengeschlossen sind. 2024 ist für die Hauptverwaltung der Sparkasse Celle Gifhorn Wolfsburg in Gifhorn eine vierteilige Unikat Serie entstanden, vier Großformat Arbeiten von je 360×126 cm, jedes Motiv einem der Standorte gewidmet, die den Namen der Sparkasse tragen. Auf der Vorstandsebene bilden sie eine zusammenhängende Erzählung der Region.
Roman Thomas fokussiert sich innerhalb seines künstlerischen Portfolios jedoch nicht nur auf das große, sondern auch auf das kleine Format. In ebendiesen kleinformatigen Arbeiten nutzt der Künstler das von ihm bereitwillig Wahrgenommene zur Initiierung einer Verlagerung, die nicht nur zum Ziel hat, der grundlegenden Erwartungshaltung gegenüber dem fotografischen Bildgegenstand abermalig entgegenzuwirken. Die kleinformatigen Fotos, die das Ergebnis des alltäglichen, mit Hinzunahme der Kamera befindlichen Blickes des Künstlers auf seine ihn umgebende Wirklichkeit sind, werden im selektiven Auswahlprozess zu Initiatoren einer bekannten und doch ungewohnten Rezeptionssituation.
In Typologien, die aus vier kleinformatig-einzelgültigen Aufnahmen bestehen, konkretisiert der Künstler ein in sich geschlossenes Zusammenspiel von Vergangenheit, Gegenwart und bedingender Zukunft. Das eigentlich Ungleichzeitige, das in Form von aufeinanderfolgenden Momenten seinen Weg zur in den Fotos befindlicher Materialisierung erfuhr, ist von nun an in gegenwärtiger Gleichzeitigkeit zugegen. In herrschender Fixierung gesetzt, sind die zueinander geführten Fotografien dazu in der Lage, eine Momenthaftigkeit zu initiieren, die fern der in den Bildern selbst vermuteten Abbildhaftigkeit ebendieser nun stattzufinden vermag. Nicht mehr die Betrachtung von vergangenen, sondern die durch Verknüpfung geschaffene Herstellung von gegenwärtiger Eindringlichkeit ist die für den Betrachtenden vorzufindende Folge der typologischen Präsentationsform.
Die Typologie als gleichzeitig-abwägendes Seherlebnis
Für das Medium der Fotografie ist die typologische Präsentationsweise von gravierender Bedeutsamkeit gewesen. Die Möglichkeit des vergleichenden Sehens, die zuvor bisweilen der kuratorischen Willkür ausgesetzt war, wurde zum festen Bestandteil des jeweiligen Werkes. Ähnlichkeitsbekundungen, die anfangs außerhalb der Hand des Künstlers lagen, konnten prinzipiell verinnerlicht, intentionell verhandelt und letztendlich zum werkimmanenten Sehauftrag für den jeweiligen Betrachtenden gemacht werden. Ein in sich geschlossener und von überkommender Gleichzeitigkeit bestimmter Bildauftrag ist zum gegenwärtigen Anschauungsgegenstand geworden. Der Betrachtende fand sich dadurch erstmalig damit konfrontiert, ein zuvor meist willkürliches, von vergleichender Manier angedachtes Sehverhalten in einem künstlerisch-gesetzten Bildbereich dezidiert ausführen zu können.
Die ebenso gewonnene Präsentationsform, die sich auch in umfangreich genutztem Maße im künstlerischen Portfolio Roman Thomas wiederfinden lässt, schuf aus dem scheinhaft-festgehaltenen Momenthaften einen realbefindlich stattfindenden Moment eindringlicher Vergegenwärtigung. Ebendieser Moment definiert sich dabei durch den der typologischen Anbringung innewohnenden Schaffensprozess von Neuordnung, Festlegung sowie Billigung einer eigenbezogenen Limitierung. Die in der Schaffung unzähliger Fotografien erhoffte und doch zum Scheitern verurteilte Fixierung des Vergänglichen, endet meist in einer ebenso in sich begrenzten Ansammlung fotografischer Aufnahmen. Indem Thomas die Masse an Bildern selektiv verengt und in einen gegenwärtigen Kontext gleichzeitig aufeinander bezogener Kontextualisierung überführt, entsteht, von einer künstlerischen Rahmung gestützt, ein neuangedachtes Seherlebnis von gegenwärtiger und in die Zukunft bedingender Relevanz.
Die Typologien des deutschen Künstlers sind in einer bildvergänglichen Zeit, in der ein inflationäres Übereinander von voranschreitender Frequenz das vergleichende Nebeneinander der Bilder stetig verdrängt, eine Chance, um mit Hinzunahme des allzu Flüchtigen zu Momenten zu gelangen, die kein alleiniges Bild abzubilden, sondern nur die typologischen Werke in ihrem innewohnenden Sehauftrag auszubilden in der Lage sind.
Roman Thomas kennt natürlich die Ikonen der bildenden Kunst, die menschliche Einsamkeit und Verlassenheit zum Thema haben und referiert darauf.
Aber auch die sozialen Themen der Geschlechterverhältnisse finden in seinen großformatigen Arbeiten subtil Platz.
„Woman in Blue“ spielt mit diesen Themen. Vor einer mit Graffiti besprühten Mauer läuft eine Frau in einem violetten langen Kleid und einem gleichfarbigen Kopftuch und einem langen erdfarbenen Mantel vorbei. Auf der Wand sind vier Männerfiguren als Graffiti dargestellt. Sie sind alle überlebensgroß und undeutlich dargestellt und stehen in unterschiedlichen Positionen auf den Betrachter hingewandt. Die Farbe des langen Mantels der Frau korresponiert mit den dunklen, gedeckten Farben der Männerdarstellungen.
Die Frau läuft von rechts nach links an der Mauer vorbei. Sie hat schon 3 von 4 dargestellten Männern passiert. Die Männer sind als Halbfiguren dargestellt. Sie alle schauen zu Boden. Ihre jeweilige Haltung erinnert an die Haltung von im stehen urinierenden Männern. Allerdings ist ihr Tun nicht erkennbar. Die Welt der Männer ist unentschlüsselbar und auf Spekulation angewiesen.
Offensichtlich entstammen die Männer und die Frau aus einer ähnlichen Schicht von Menschen, die ähnliche Kleiderfarben bevorzugen, auch wenn das violett der Unterkleidung der Frau leicht heraussticht. Violett in der Farbsymbolik mit Besinnung und Demut gedeutet, lässt hier die Raum für Interpretation.
Trotzdem bleibt die Assoziation an arme oder untere Gesellschaftssichten, eventuell sogar an Personengruppen mit einem nichtchristlichen Migrationshintergrund, da Kopftuch und Hautfarbe der Frau und Physiognomien der Männer dies nahelegen.
Ihre unterschiedlichen Haltungen sind nicht aufeinander bezogen. Trotzdem wirken die Frau und die Männerdarstellungen wie Chiffren der jeweiligen Rollenbilder und Gesellschaftspositionen. Die Frau ist durch ihre Kleidung endindividualisiert. Sie ist die einzige lebendige Person im Bild. Die Männerdarstellungen sind statisch, aber auf den Betrachter hin dargestellt. Man sieht sie von vorne oder im Profil. Ihr jeweilges Tun ist nur angedeutet, weil die Hälfte der Gestalten fehlt. Trotzdem wirkt diese Konfrontation mit dem Betracher. Die Frau kreuzt ungerührt quer das Bild und nimmt weder von den Männergrafittis noch vom Betrachter Notiz.
Die Erfahrungswerte des Sehens markieren aber für die Männer ein Verhalten, das in der Öffentlichkeit auch als Machtdemonstration gedeutet werden kann. Auch wenn es sich um ein mögliches Fehlverhalten (öffentliches Urinieren) handelt. Dieses ist nur Männern oder Kindern in der Öffentlichkeit erlaubt. Frauen ist die Verrichtung ihrer Notdurft nur versteckt und nicht in aller Öffentlichkeit möglich.
Die Sphäre der Männer ist durch die Anlage als Bild auf der Mauer und durch ihre Überlebensgröße insgesamt höher angelegt, als die der Frau auf dem Gehsteig. Sie ist die Basis und der untere Anker des Bildes.
Über ihr als Basis und der Grafitti-Männer, als menschlichen Ebenen angelegt, findet sich horizontal durch die Mauerkrone geteilt, eine andere Ebene. Diese ist durch Architektur in Form von modernen Wohnblocks gestaltet. Geometrische Formen wie Rechtecke und Quadrate der Fenster und Mauerblöcke strukturieren die Architektur. Dort sind Wohneinheiten zu vermuten. Die Bewohner selber sind aber nicht zu erkennen, nirgends. Wieder nur Chiffren von menschlichem Leben. Keine Menschen nirgends, nicht als Bild oder als Silhouette.
Und erst noch höher, im oberen 1/3 des Bildes kommt der Himmel zum Vorschein. Ein kleiner Fleck ist mittig als bedeckter Himmel zu erkennen. Er spiegelt sich vielfach gebrochen in den Fensterscheiben der Wohnblocks. Kasernierter Naturraum und menschliche Existenz am Boden. Einsam und in Geschlechterverhältnisse eingesperrt.
So finden sich dieThemen Einsamkeit, Macht und Energie, aber auch Verständnis und Motivzitate von anderen Künstlern im Werk von Roman Thomas wider.
Die Wahrheit des stattgefundenen ist Basis der Arbeiten von Roman Thomas. Darüber hinaus ist die Unsichtbarkeit von Montagen und das Gleichzeitigen des Ungleichzeitigen bei Roman Thomas zu finden.
Diese Ideen der Gestaltung kommen auch bei dem berühmten Fotografkollegen Andreas Gursky in dessen Arbeiten vor. Komposition und Verändern, die nicht sichtbar scheinbar organisch in den Bildern von Thomas vorkommen, machen die Arbeiten spannend. Auch die Flüchtigkeit der Motive, die oft schon nach der Fotoerstellung von Roman Thomas nicht mehr Bestand haben, da sie kontinuierlich verändert werden. Nur das Motiv und die Begegnung mit dem Fotografen machen Thomas Bilder einzigartig.
War es bei den Bechers noch das Dokumentarische der kurz vor dem Abriss stehenden Industrieanlagen, die Arbeitswelt und Raum elementar geprägt hatten, ist es bei Thomas das Flüchtige im 21. Jahrhundert.
Die Graffitiflächen die entstehen und verschwinden, oder die immer wieder neu gestalten Schaufensterdekorationen. Das Flüchtige wird im Foto festgehalten und so zur Chiffre einer Zeit. Diese Elemente werden von Thomas betont. Sie können farbintensiver oder gedämpfter in der Gesamtkomposition eine herausragende oder eine zurückgenommene Rolle spielen. Wie das der Künstler entscheidet, bleibt das kompositionelle Geheimnis des Fotografen.
Bei der Betrachtung von Roman Thomas Arbeiten bleibt das Gefühl Ausschnitte aus einem ganzen Film oder eines Stadtlebens zu sehen. Real und verständlich kunstvoll und etwas kühl und distanziert, das macht die Faszination der Arbeiten von Roman Thomas aus.
Die konzeptuelle Nähe und das Verändern von Realität durch fotografisch-künstlerische Mittel lassen Roman Thomas durchaus in der Tradition einiger Becher-Schüler und der Düsseldorfer Photoschule stehen, ohne dass er dort seine Ausbildung genossen hat.
Künstlerisches Verständnis, fotografisches Auge und die Lust Komposition und Strenge in einem realen gefundenen Motiv umzusetzen machen Roman Thomas Arbeiten aus.